A.R. & Machines 2017

MEINE REDE, DIE ICH VOR DEM KONZERT IN DER EBPHILHARMONIE, AM 15.9.2017 HIELT

Bevor am heutigen Abend wunderliche Dinge geschehen, empfehle ich allen, es sich in den Sitzen bequem zu machen, und innerlich auf eine Zeitreise einzustimmen. Wenn der Zauber gelingt, wird des vergangenen Jahrtausends krautrockige Geist aus seiner Wunderlampe steigen, um dem Zusammenspiel von “Mensch & Maschine“ - wie einst in den Siebzigern, so auch Heute, wohlwollend beizuwohnen und dazu einladen, die vorüberziehenden Klanglandschaften wahlweise auch mit dem inneren Auge zu genießen. Der Auslöser für die Klangwelt des A.R. & Machines-Projekts war “Diese Bandmaschine“ die eine Funktion aufwies, mit der sich orchestrale Hintergründe, aus rhythmisch wiederkehrenden Echos produzieren ließen. Damit wurde sie zu meinem ersten mechanischen Mitspielerin und ich war begeistert von Möglichkeiten die sich aus dieser Frühform des Loopings ergaben. Unser heutige Mix, aus Konzert, Klang- und Lichtinstallation, verspricht ein “Past-Future-Project“ inclusive Überwindung von Zeit und Raum zu werden. Denn es wird sich ja wohl niemand fragen, ob es ein Marketingstratege war, der einst mit schrägem Sinn für Zahlenorakel prophezeite: >Was 71 begann, wird 17 eine Transformation erleben < Tja, da frag ich mich doch, ob es Zufälle gibt, die gar keine sind? Es fügt sich ein unglaublich Ding ans Nächste, und plötzlich findet man sich, man blind vor Glück, auf der Bühne der ausverkauften Elbphilharmonie wieder. Und als wenn das noch nicht mysteriös genug wäre, werden wir auch noch aus einem verschollen geglaubten Schatz unveröffentlichter A.R. & Machines-Tracks schöpfen können, der unfassbare 45 Jahre, von aller Welt vergessen, in einem Umzugskarton verbrachte. Aber dann, als ich mit der Arbeit an der A.R. & Machines Box (VÖ:29.10.) begann, offenbarten die alten Bandspulen in einem magischen Moment ihre lang gehüteten Geheimnisse. Musikalische Aussichten, wie sie nicht aller Tage daher kommen. Wenn ich mich so umblicke könnte man fast glauben wir befänden uns in einem Ufo, dann wollen wir mal sehen wo er hinfliegt - viel Vergnügen...

Achim Reichel präsentiert A.R. & Machines am 15.9. in der Elbphilharmonie
Die Wiederauferstehung seines innovativen Kunstprojekts

Ein halbes Jahrhundert sind diese multiplen, rhythmisierten Echo-Loopings alt. Doch sie klingen wie ein Sound-Entwurf der Gegenwart.

Manchmal hilft der Zufall. Anfang 1970 stöpselt Achim Reichel seine Gibson Firebird in sein funkelnagelneues Tonbandgerät Akai X-330D, um eine kurze Melodie als Memo aufzunehmen. Als er sich später die Aufnahme anhört, findet er sich in einem Wald voller Gitarren wieder, denn sein Aufnahmegerät spielt ihm wieder und wieder Echos der kurzen Tonfolge wieder. Ohne es zu ahnen, hat Reichel sein eigenes Spiel geloopt – heute eine gängige Methode, aber 1970 etwas völlig Neues. Der Hamburger Gitarrist spielt seine Entdeckung Musikerfreunden vor und alle sind aus dem Häuschen. Reichel hat mit seinem Effektgerät ein berauschendes Musikerlebnis kreiert. Er holt weitere Musiker in sein Studio, nimmt mehr und mehr Musik auf und findet sogar eine Plattenfirma für die Experimente, mit denen er die engen Grenzen des Drei-Minuten-Popsongs radikal sprengt. 1971 erscheint ›Die Grüne Reise‹. Reichel, als Sänger und Gitarrist der Beatband The Rattles und der Psychedelic-Popper Wonderland bekannt geworden, gehört plötzlich zu den Pionieren eines Sounds, der später als Krautrock in die Popgeschichte eingehen wird.
Die zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Platten von A.R. & Machines avancieren zu begehrten Sammlerstücken und bekommen Kultstatus. Der britische Musiker Julian Cope schreibt über Reichel in seinem Buch ›Krautrocksampler‹ eine Eloge, ohne dass dieser davon erfährt. Es häufen sich Anfragen bei ihm, diese Schätze wieder zu veröffentlichen. 2007 legt er ›Die Grüne Reise‹ und andere Alben der A.R. & Machines nach mal neu auf. 2010 taucht Achim Reichel & Machines in der Augustausgabe im britischen ›Uncut‹-Magazin in einer Story über große verloren gegangene Alben auf. ›Echo‹, 1972 bei Polydor erschienen, rangiert auf Platz 12 dieser Liste mit ›50 great lost albums‹.

 

Achim Reichel wird sich am 15. September erneut auf Die Grüne Reise begeben. „The Art Of German Psycedelic“ heißt der Abend, an dem die Klangexperimente in der Elbphilharmonie Wiederauferstehung feiern werden. Für dieses Konzert hat Reichel eine Band zusammengestellt, zu der unter anderem der Perkussionist Olaf Casalich gehört, der schon in den 70er-Jahren für A.R. & Machines getrommelt hat. Als weitere Musiker werden Nils Hoffmann (Keyboards, Gitarre), Achim Rafain (Bass), Yogi Jockusch (Perkussion) und Stefan Wulff (Livemix) mit von der Partie sein.

Frank Dostal, lange Reichels Partner bei etlichen seiner Projekte, schreibt 1971 über ›Die Grüne Reise‹: »Die Grüne Reise ist das erste hörbare Ergebnis einer neuen Auffassung von Musik. Wer sie hört, wird inspiriert: Optisch-akustische Visionen werden geformt, Klänge wiedergeboren, Aggressionen gelöst. Neue Gespräche. allein, mit anderen – ohne Sentimentalitäten. Revolutionsfern. Es wird empfohlen, diese Platte zu Massenveranstaltungen, Acid-Feten, Sound-Demonstrationen, euphorischen Höhenflügen, Liebesvereinigungen, politischen Veranstalten und als Filmmusik zu spielen.«
Ein halbes Jahrhundert sind diese multiplen, rhythmisierten Echo-Loopings alt. Doch sie klingen wie ein Sound-Entwurf der Gegenwart.


Heinrich Ohemsen